Gespräch, Uni Witten: Die Mächtigen müssen die Zukunft neu denken lernen Published in "Stufu Magazin", Universität Witten/Herdecke, October 2020

Interview durchgeführt und aufgeschrieben von Johannes Wiek für das Stufu Magazin der Universität Witten/Herdecke.

Du verantwortest beim WEF ein Lernprogramm für Wirtschafts- und Staatsführende. Kurz gefragt: Was müssen diese Menschen lernen?

Ganz einfach: Dass die Ressourcen der Welt endlich sind. Greta Thunberg war nicht ohne Grund die letzten beiden Jahre bei uns in Davos. Und vielleicht sollten sie auch lernen, dass sie mehr oder überhaupt Steuern zahlen sollten. Weil öffentliche Güter das brauchen und das allen etwas bringt. Aber darüber hinaus haben wir 18 Plattformen mit unterschiedlichen Agenden und Inhalten Aber die für uns wichtigste Frage lautet: Wie können wir bei diesen Menschen überhaupt einen Lerneffekt erzielen?

Was zeichnet diese Leute aus?

Wir haben es mit sehr erfolgreichen Leuten zu tun, deren Studium weit zurück liegt. Und denen die Menschen um sie herum immer nur erzählen, wie toll sie sind. Daher ist aus meiner Sicht die wichtigste Aufgabe, diese Overconfidence zu brechen, oder zumindest zu erschüttern. Wir nennen das beim WEF DIVERGENCE. Unser Motto: „We want people to unlearn.“

Wie macht ihr das?

Egal, um welches Thema es geht, das Rausbrechen aus unhinterfragten Denkmustern ist ein ganz wichtiger Faktor. Damit man an den Bruchstellen neu aufbauen kann. Dafür arbeiten wir auf allen Ebenen: kognitiv, viszeral, emotional, mit Simulationen und unterschiedlichen Formen der Zusammenkunft. Dafür kann es sein, dass wir ganz einfach Heads of States und Heads of Governance ins Gespräch bringen, ohne das ihre Entouragen dabei sind. Oder wir bringen solche Menschen in extrem aufwendige Simulationen. Z.B. wenn wir sie in den Kellerräumen eines Hotels in eine Situation bringen, wie sie sonst Flüchtlinge an geschlossenen Grenzen erleben. Und zwar so echt und detailliert wie nur irgend möglich. Oder wir machen Filme, für die wir eng mit Sundance zusammenarbeiten. Oder wir gehen in die Virtuelle Realität. Oder wir visualisieren globale Prozesse und Veränderungen in ihrem ganzen Ausmaß mit Daten von der NASA. Und die Ergebnisse können und sollen auch verstörend wirken. Es gibt natürlich immer auch Kritiker dessen, was wir da machen. Die Rede ist dann von „crisis porn“. Einmal geheult – dann vorbei und mit Schampus runtergespült… Aber ich glaube, dass man so etwas machen muss, um die Leute aus ihrer Bubble raus zu schütteln.

Und dann? Wie kriegt ihr diese Menschen dann in eine gemeinsame Aktion?

Zuerst einmal glauben wir, dass das, was verändert werden soll, gemeinsam erlebt werden muss. First you need divergence – then you need convergence. Und das, was wir dafür machen, ist eigentlich sehr wittenerisch. Auf der konzeptionellen, abstrakten Ebene hat das Ganze drei Kernelemente, um Lerneneffekte zu erzielen, die dann auch den den Organisationen, die diese Menschen verantworten, ihre Wirkung zu erzielen: Erstens müssen wir Vertrauen zwischen kleinen Gruppen von Stakeholdern aufbauen. Radikal community-based, in direkten Treffen, damit eine Third Culture entsteht, so wie es Kazuma Matoba an der Uni Witten von je her macht. Zweitens müssen wir dann die unterschiedlichen Communities in Verbindung bringen, und damit Austausch und Vernetzung ermöglichen. Und drittens müssen wir neue, gemeinsame Narrative entwickeln, in denen Leute sich als Akteure fühlen. Nicht als passive Teilnehmer, sondern als aktive Gestalter der Zukunft.

Was für Narrative sind das denn?

Eines der besten Beispiele ist das Narrativ der“ 4. Industriellen Revolution“, dass weltweit aufgegriffen wurde. Und das neue Narrativ, dass wir jetzt aufbauen ist „THE GREAT RESET“. Für eine post-covid-Welt. Das ist das wahrscheinlich umfassendste Narrativ, dass für die nächsten Jahre zum Andockpunkt und Kern des Forums werden soll. Damit sind gerade die meisten unserer Leute beschäftigt, die entsprechenden Communities aufzubauen. Und unsere Erfahrung zeigt, dass das Neue an den Rändern und Schnittstellen der verschiedenen Communities entsteht, die sich aus ihren jeweiligen Perspektiven mit dem Narrativ beschäftigen.

Und wie wirken diese Narrative?

Es gibt den konstruktivistischen Ansatz, dass geteilte Ideen in jedem Kontext eine ganz wichtige Rolle spielen. Unser Forum hat keine Macht, es wird über nichts abgestimmt. Die einzige Macht, die wir haben, ist, andere geteilte Ideen in die Köpfe der Menschen zu bringen, oder Ideen, die in den Köpfen sind, zu ändern. Wir versuchen, in diesem globalen Dorf der Mächtigen ein Gefühl von einer gemeinsamen internationalen Gemeinschaft zu wecken. Dabei gibt es natürlich die Kritik, dass wir die globale Elite fördern. Und das hat natürlich auch seine Schattenseiten. Aber dennoch sind diese neuen gemeinsamen Narrative die zentralen Impulse des Forums. Und anders als eine fertige Story, ist ein Narrativ eine Einladung, eine Geschichte mit zu schreiben.

Title picture: Harry Yeff @ World Economic Forum Annual Meeting 2020